© Foto: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Dr. Sabine Hannes, eine Forscherin aus dem Institut für Experimentelle Tumorforschung, zeigt eindrucksvoll, dass Familie und Forschung vereinbar sind.

Aus dem Bericht der FAZ vom 14.8.2018:

In der medizinischen Forschung fehlt der Nachwuchs. Sabine Hannes gehört zu den wenigen jungen Ärzten, die den Spagat zwi­schen Klinik und Labor wagen - und trotzdem nicht auf Familienleben verzichten.

"Mein Beruf macht mir Spaß", sagt Sabine Hannes mit Nach­druck. Deshalb hat sie, wie viele andere junge Mediziner in der Facharztweiterbil­dung, nie gejammert, wenn der Arbeits­tag in der Klinik morgens um 6.30 Uhr auf der Station mit der Vorbereitung der Visite beginnt, danach im Operationssaal mit zum Teil drei- bis vierstündigen Ein­griffen weitergeht und mit Patientenge­sprächen auf der Station erst um 19 Uhr endet. Gelegentlich wird es auch mal 22 Uhr bis zum Feierabend.
Das ist an sich schon ein straffes Pen­sum. Doch die promovierte Fachärztin für Allgemeinmedizin will auch dazu bei­tragen, dass sie und ihre Kollegen in Zu­kunft Krebskranke seltener in den Tod be­gleiten müssen. Viele Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs könnten bisher nicht operiert werden, sagt Hannes. Und selbst wenn der aggressive Tumor entfernt werden könne, sei das keine Überlebensgarantie. Deshalb forscht die 35 Jahre alte Ärztin im Labor: Sie will die molekularen Eigenschaften des Pankreas­karzinoms besser verstehen.

Dazu untersucht sie, warum die Balan­ce zwischen Zelltod und Überleben bei diesen Krebszellen gestört ist, wie man de­ren Teilung aufhalten und sie zum Abster­ben bewegen kann. "Von Patient zu Pa­tient ist das Verhalten der Krebszellen auch noch sehr unterschiedlich", erläu­tert sie. Herkömmliche Chemotherapien attackieren den ganzen Körper und ha­ben oft gravierende Nebenwirkungen. Hannes' Grundlagenforschung könnte helfen, zielgerichtetere Medikamente und Verfahren zu entwickeln. Wenn sie er­folgreich ist, würde das vielen Patienten nützen.

Seit eineinhalb Jahren ist die Medizine­rin Mutter eines Sohnes. Der tägliche Spa­gat zwischen Kind, Klinik und Forschung wäre nicht zu schaffen ohne den Einsatz des Ehemannes, der in der Gastronomie arbeitet und den Sohn morgens zur Tagesmutter bringt, und der Großmütter, die sich um den Enkel kümmern. "Unser Sohn sieht einen von uns regelmäßig, aber wir als Ehepaar sehen uns nur noch selten", sagt die Ärztin bedauernd. Das fragile Modell funktioniert ohnehin nur, weil der Ehemann sich beruflich nach ih­rem Dienstplan richten kann und sie ihre Arbeitszeit auf 75 Prozent reduziert hat.

Doch vor allem die Tatsache, dass sie Kollegiatin der Else-Kröner-Fresenius­-Stiftung ist, ermöglicht ihr nach zehn Mo­naten Elternzeit, sich momentan ganz auf die Forschung zu konzentrieren. Das Facharztgehalt bezieht sie weiter. Ihr Ziel ist es, wissenschaftlich selbstständig zu wer­den, eine eigene Forschungsgruppe zu ha­ben und die Ergebnisse der Laborarbeit immer wieder auch im klinischen Alltag zu erproben. "Ich vernachlässige für die Forschung im Moment meine chirurgi­sche Ausbildung, deshalb ist es wichtig, dass ich auch wieder zurück in die Klinik komme", sagt Hannes.

Dort ist sie weiterhin eingebunden und absolviert an fünf bis acht Tagen im Mo­nat Bereitschaftsdienste von 15 Uhr bis 7.30 Uhr morgens. Anschließend geht sie natürlich noch ins Labor. Zu Hause muss sie dann Schlaf nachholen. "An diesen Tagen sieht mich mein Sohn nicht", sagt sie. Trotzdem sei sie glücklich, "für unsere Fa­milie ist das so zurzeit machbar." Von ih­ren Studienkolleginnen kennt sie aller­dings niemanden sonst, die diesen Weg zwischen Klinik, Forschung und Familie beschreitet. Das Fehlen von Nachwuchs für die me­dizinische Wissenschaft wird seit Jahren von vielen Seiten beklagt. "Ein zentrales Problem liegt in der mangelnden zeitli­chen Vereinbarkeit von klinischer und wissenschaftlicher Tätigkeit", sagt Simo­ne Fulda, Direktorin des Instituts für expe­rimentelle Tumorforschung in der Pädia­trie und Vizepräsidentin der Goethe-Uni­versität. Jeder fünfte an deutschen Klini­ken beschäftigte Assistenzarzt schließt seine Facharztweiterbildung an einer Universitätsklinik ab, 2300 sind das jährlich. Knapp drei Viertel davon geben in Umfra­gen an, zukünftig forschen zu wollen - doch die wenigsten tun das dann auch.

Grund dafür, so Fulda, sei der zuneh­mende Kostendruck auf die Kliniken: Im­mer weniger Ärzte müssten immer mehr arbeiten. Für die Wissenschaft bleibe da oft wenig Zeit. Früher bestehende For­schungsfreiräume würden durch die er­hebliche Arbeitsverdichtung in der Kli­nik, die fehlende Entlastung der ärztli­chen Tätigkeit durch geeignetes Assistenz­personal, den zunehmenden Dokumenta­tionsaufwand und steigende Fallzahlen bei gleichzeitig abnehmender Liegedauer weiter reduziert. Eine Analyse im Auf­trag des Bundesforschungsministeriums kommt zu dem Ergebnis, dass Nachwuchswissenschaftler im Durchschnitt nur etwa ein Fünftel ihrer Arbeitszeit für die For­schung aufwenden können. Forschung sei für viele angehende Fachärzte de facto eine Freizeitbeschäftigung.

Auch Sabine Hannes hat früher zu Hau­se oder im Urlaub viel Zeit in klinische Studien investiert, mit Kind sei das nun nicht mehr möglich. Auch nicht, wenn man wie sie experimentell im Labor arbei­tet. Dort untersucht sie das entfernte Krebsgewebe ihrer Patienten aus der Kli­nik. "Ich sage ihnen ganz offen, dass sie nicht mehr davon profitieren werden, aber andere Patienten später sicherlich." Sie muss möglichst viele Gewebeproben untersuchen, um zu verstehen, was die Krebszellen am Leben hält und was sie zum Absterben zwingen könnte. Dass sie auch mit Kind diesen Spagat zwischen Forschung und Klinik weiter leben kön­ne, verdanke sie nur der Förderung durch die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung.
Damit Studenten, die sich am Beginn ihres Studiums durchaus noch eine Karrie­re in der Forschung vorstellen können, nicht ins Ausland oder in die Industrie ab­wandern, sondern in der Klinik bleiben, erhält die Uni Frankfurt nun von der Mil­dred-Scheel-Stiftung zehn Millionen Euro. Investiert werden soll das Geld bin­nen fünf Jahren am neuen Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum, dessen Spre­cherin Fulda ist. Es gehe darum, "attrakti­ve Positionen für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Medizin zu schaffen, die eine Verbindung wissenschaftlicher und klinischer Tätigkeiten nach dem Vor­bild der ,Clinician Scientists' in anderen Ländern ermöglichen", erläutert die Pro­fessorin. Investiert werden soll aber auch in mehr Kita-Plätze auf dem Universitäts­campus in Niederrad, um die Vereinbar­keit von Beruf und Familie und damit die Rahmenbedingungen für die Forschung zu verbessern.

Nicht mit noch so viel Geld zu errei­chen sei allerdings ein generelles Umden­ken, meint Hannes: "In vielen Köpfen herrscht immer noch das Bild des Man­nes als Vollzeit arbeitender Familiener­nährer." Es fehle zu oft die Einsicht, dass die Aufzucht des Nachwuchses nicht al­lein Frauensache sei. Obwohl sie als For­scherin einen wichtigen Beitrag zum Ver­ständnis von Krebs und seiner Heilung leistet, haben viele Bekannte sie vorwurfs­voll gefragt, warum sie denn zehn Mona­te nach der Geburt ihres Kindes schon wieder arbeiten „muss". Doch Sabine Hannes ist eben Ärztin, Krebsforscherin und Mutter aus Leidenschaft. "Ich wollte mich nicht für eins davon entscheiden müssen."

© Foto: UCT Frankfurt

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